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Mittwoch, 22. Oktober 2014

We're not the same as we used to be.

Am 27. Januar habe ich meinen letzten Post geschrieben. Falsch. Ich habe schon tausend Posts geschrieben, ich habe versucht zu erklären, was passiert ist, wieso ich nicht mehr blogge, was sich verändert hat, wo ich mich befinde, was ich geschafft habe. Allerdings habe ich es nie geschafft, diese Posts zu veröffentlichen. Es kam mir alles banal vor, unwichtig. Trotzdem beschließe ich, während ich diese Zeilen schreibe, dies wird veröffentlicht.
Also? Was geschah? Nichts besonders. Das, was 90% aller Abiturienten/Maturanten geschah. Doch verdammt, es war für mich unglaublich viel. 
Am 27. Januar, also zum Zeitpunkt meines letzten Posts, war ich mittendrin. Mittendrin im "Maturastress", den ich mir mehr einredete, als das er effektiv existierte. Zu diesem Zeitpunkt erfuhr ich, wie schon erwähnt, über das wahre Ich einer "besten" Freundin und die Welt geriet kurz aus den Fugen, ich zweifelte an der Menschheit und fühlte mich ununterbrochen hintergangen. Doch ich fing mich und eine der wohl interessantesten, verrücktesten Reisen stand mir bevor: Meine Maturareise nach Amsterdam. Man stelle sich das circa so vor: 26 junge Erwachsene fahren mit der gleichen Erwartung nach Amsterdam: Amsterdams Ruf als Partymetropole unter die Lupe zu nehmen. Es war wohl eine meiner schönsten Reisen, nicht, weil ich kulturell so gefordert wurde, sondern weil ich die schönste Zeit mit Menschen erlebt habe, die so viele verschiedene Facetten von mir kennen und mich trotzdem mögen. Unser Tagesablauf bestand aus Heimtorkeln um 6 Uhr, um um 7 zu frühstücken, um um 8 den ersten beim Kotzen zu helfen, um dann im Reichsmuseum einzuschlafen und erst am Abend aufzuwachen um "endlich" wieder feiern zu gehen. Klischeehaft und doch so wunderbar. 
Die Reise endete mit einem lateinischen Geburtstagsständchens unseres Lehrers und eine den ganzen Heimweg über schlafenden Klasse. 
Langsam wurde es "ernst", zumindest wurde uns das eingeredet. Meine Klasse kompensierte die Angst durch das beste Heilmittel auf diesem Planeten: Feiern gehen. Maturantenfeten in schrecklichen Dorfclubs und Maturantenessen, die uns wieder in die geliebte Dorfdisko verschlugen und morgens um 7 Uhr vor Schulbeginn mit einem Weißwein endeten. Doch wir konnten es nicht aufhalten, keiner kann das: Die letzte Schulwoche. Ich konnte eine leichte Melancholie verspüren, auch wenn ich am Anfang des Schuljahres noch schwor, dass ich niemals auf dieses Niveau herunterkommen würde. Das Gefühl, dass jetzt alles vorbei ist, dass kein Lehrer mehr rumheulen würde, wenn du deine Hausaufgaben nicht machst, dass du danach auf dich alleine gestellt sein wirst, nie mehr 26 Leute 5 Stunden täglich sehen wirst und dass dich keiner mehr so oft zitieren, weinen, lachen, vorrechnen, falsch rechnen, diskutieren und erklären hören wird, war dann doch ein wenig traurig. Doch vorbei war es noch lange nicht.
Ich schwor mir vor meinen Prüfungen, dass ich es allen zeigen würde. Ich schwor mir, dass ich mich jetzt reinhängen würde, denn die Zahl auf dem Diplom war schließlich das, was wirklich zählte. Vor allem schwor ich mir, es meinem Philoslehrer zu zeigen, der mir die letzten 2 Jahre meines Lebens nur vermitteln wollte, wie unfähig ich doch eigentlich sei. Und ich entwickelte zum ersten Mal, seit langer Zeit, Ehrgeiz. Ich lernte nicht besonders viel, doch konzentrierter. Denn eigentlich hatte ich nur zwei Ziele vor Augen: Einen einigermaßen guten Deutsch-Aufsatz zu schreiben (das war son Ego-Ding) und meinem Philoslehrer zu zeigen, dass ich doch nicht so dumm/faul bin, wie er eigentlich dachte. Deutsch bestand ich ober meinem Durchschnitt und mein Philoslehrer musste wohl endlich einsehen, dass ich irgendwas irgendwie kann. Ich erreichte eine Punktezahl, die ich mir nie erwartet hätte und hatte endlich nach so vielen Selbstzweifeln, nach so vielen Gedanken ("Kann ich überhaupt irgendwas?" "Bin ich dumm?") den Beweis, dass ich wohl nicht dumm, ungebildet und talentlos bin, wie ich es mir eigentlich eingeredet hatte (und tue).
Die Matura war geschafft, ich war stolz und mich zog es ans Meer. Ich verbrachte eine Woche, in der mich nur nachdachte. Ich dachte darüber nach, was ich tun wollte, in einer Woche, in einem Monat, in einem Jahr. Als ich nach Hause kam, war ich planloser denn je: Wollte ich überhaupt noch studieren? Schon nach der Matura war ich total fertig, wie sollte das erst im Studium werden? 
Außerdem stand mir, wie ich damals dachte, die unangenehmste Zeit vor, die es nur geben könnte: Mein Freund, mit dem ich zu diesem Zeitpunkt 1,5 Jahre zusammen war, hatte beschlossen, dass er mich einfach so für 6 Wochen verlassen würde, um mit seinem besten Freund nach Schweden zu gehen. Ich war absolut gegen diese Reise, dachte, dass ich 6 Wochen nie aushalten würde, da ich nicht mal eine Ablenkung haben würde, da ich nur zu Hause rumsitzen würde. Doch er fuhr, ich blieb zurück und fühlte mich so klein. Die erste Woche war schlimm. Für uns beide. Wir klammerten uns an die vergangenen Tage und weder er noch ich genossen den Freiraum. Doch es wurde besser: Mein Freund wanderte durch Schweden, sah wunderschöne Orte und ich nutzte die Zeit, um mich selbst besser zu verstehen. Ich tat nicht wirklich viel, ich half meiner Mutter im Haus, verbrachte sehr viel Zeit mit Freunden und Familie - und mit mir selbst. 
Ich dachte nach und empfand, dass ich studieren sollte: Ich wollte lernen, ich wollte Neues erfahren und Prüfungen waren für mich eigentlich nie ein Problem gewesen, wenn ich mich auf meine Fähigkeiten verlassen konnte (und logischerweise würde ich etwas studieren, was mich interessieren würde, worin ich gut sein würde). 
Also bereitete ich mein Leben aufs Studieren vor. Ich wollte zuerst nur Publizistik- und Kommunikationswissenschaften studieren, beschloss dann allerdings Theater- Film- und Medienwissenschaften anzuhängen. Währenddessen erzählte mir mein Freund immer wieder, wie toll Schweden doch sei, er vermisse mich, aber er lerne jeden Tag neue Menschen kennen und es wäre wunderschön. Ich war glücklich, im Reinen mit mir und freute mich auf einen neuen Lebensabschnitt. Ich erzählte ihm das gerade, erzählte ihm, wie sehr ich ihn vermisse und mich freue, dass er in einer Woche wieder bei mir ist. Als es plötzlich an der Tür klingelte. Und er stand vor mir. Er hat mich also überrascht, komplett überrascht und erzählte mir von seiner Reise von Schweden nach Italien, nur durch Trampen vollzogen. Ich freute mich, tanzte und war dann doch froh, ihn wieder bei mir zu haben. 
Ich bereitet nun alles auf Wien vor, meine Stadt, von der ich so oft anderen erzählte, obwohl ich sie so gar nicht kannte. Am 30. Oktober verließ ich Italien. Und auch wenn ich es nie für möglich gehalten hätte, ich war furchtbar traurig. Der Tag, an dem ich zum letzten Mal durch mein Zimmer schritt - es würde nie wieder "mein" Zimmer sein. Ich packte meine Sachen zusammen, fand 19 Jahre E., viel aus 5 Jahren jugendlicher E. und noch viel mehr aus 14 Jahren kindlicher E. Ich setzte mich in den Zug, alleine, gespannt und doch traurig, dass es nie wieder so sein würde, wie damals. 
Nun sitze ich in meinem WG-Zimmer in Wien, ich liebe diese Stadt und doch ist sie so komisch. Ich liebe es durch die Straßen zu streifen, ich liebe die U-Bahn, ich liebe die Bars, die Uni, die kleinen Restaurants, die Menschen, die an mir vorbeirauschen und die ich nie alle kennen werde. Und ich merke, wie ich mich freue. Auf das, was alles noch geschehen wird.

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